Ein Oktobermärchen für Berlin
Ein Theatervorhang fängt Feuer mitten auf einem großen Platz, ein Klavier fliegt durch die Luft und kündet vom Ende des abendländischen Theaters. Tausende Menschen, dicht gedrängt, mit großen Augen und einem Lächeln, das Staunen, Fassungslosigkeit oder einfach Freude zum Ausdruck bringt. Lachende Kinder in einem Wüstendorf im hohen Norden Kameruns, die wie Trauben in den Ästen der umliegenden Bäume hängen – genauso wie die Zuschauer in Wien im ehrwürdigen Altbaumbestand des Rathaus Parks, die keinen Platz auf der Tribüne ergattern konnten …
Wenn ich mich an die Theaterereignisse von Royal de Luxe erinnere, die ich seit über 15 Jahren begleiten durfte – angefangen bei sommerlichen Straßentheaterfestivals Ende der 80er Jahre in Italien bis nach Kamerun, Australien und Chile –, dann gab es nichts, was nicht möglich war, und nichts, was vorher schon erfunden war. „Théâtre de création“ – „Theater der Kreation“, dieser im Deutschen nicht geläufige Begriff steht bei Royal de Luxe für ein Theater des Erfindens, das auch die Umsetzung einer unerschöpflichen Werkstatt-Wunderkammer miteinbezieht. Erfinder, Komödianten, Bastler und Maschinenbauer, Schauspieler und Artisten: Die Truppe mit Jean Luc Courcoult als kreativem Kopf, Regisseur und Autor gleichermaßen lebt seit nunmehr 30 Jahren den Geist der komödiantischen Wandertruppen der Commedia dell’Arte.
Anfang der 90er Jahre erfand Jean Luc Courcoult neben der Riesenbuch-Geschichte „La véritable histoire de France“ und der Sandalenfilm-Persiflage „Le Péplum“ – beide Spektakel wurden vor über zehn Jahren auch in Berlin gezeigt, bei letzterem flog besagtes Klavier durch die Luft –, die erste Episode seiner Riesen-Saga. In „Le Géant tombé du ciel“ (Der Riese, der vom Himmel fiel) bahnte sich eine 14 Meter große, sanft blickende Marionette, inspiriert von Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“, lautstark in einem massiven Stahlgerüst den Weg durch die Straßen von Le Havre. Dort war es auch, wo ich den Riesen 1993 zum ersten Mal sah. Seither, nicht auf den ersten Blick, jedoch kurz darauf in der Erinnerung – hervorgerufen vor allem durch diese zärtlichen Riesenaugen und den Anblick der vielen Menschen jedweden Alters, die unweigerlich wie Kinder in den Bann dieses Theaters gezogen wurden – ließ mich die Idee, solch ein Riesenprojekt wahr werden zu lassen, in Gedanken nicht mehr los. Es begann eine Suche nach dem richtigen Moment und dem richtigen Ort. Jean Luc Courcoult erfand in der Zwischenzeit auch „kleinere“ Riesen, wie den graziösen Kleinen Schwarzen Riesen, den er aus Afrika „mitbrachte“, und die zauberhafte Kleine Riesin, die zuletzt in Santiago de Chile ein böses Rhinozeros jagte – vor und inmitten von eineinhalb Millionen Zuschauern
Und jetzt Berlin. Es wird möglich! Seit drei Jahren leite ich die Theater- und Tanzsaison spielzeit’europa der Berliner Festspiele und ebenso lange dauern bereits die Vorbereitungen für das Riesenmärchen „Le rendez-vous de Berlin – Das Wiedersehen von Berlin“, das Royal de Luxe im Auftrag von spielzeit’europa zum Mauerfall-Jubiläum erzählen wird. Mehrmals war die Compagnie zu Besuch in der Stadt, eine Route für die Riesen wurde erarbeitet und eine Geschichte eigens für diese Stadt erfunden, die nirgendwo sonst erzählt werden wird. Mittlerweile ist selbst ein Riesen-Team rund um die gigantischen Vorbereitungen zu den Riesen entstanden: Neben den Kollegen bei den Berliner Festspielen und meinem wunderbaren spielzeit’europa-Team sowie weiteren engen Partnern sind alle Behörden der Stadt, von der Verkehrslenkung über Tiefbauamt und Denkmalschutz bis zum Ordnungsamt, in das Projekt einbezogen; desweiteren der Bezirk Mitte, Politiker auf Bundesebene wie der Senatskanzlei, Tourismus, Verkehr, Wirtschaft und Medien, Hotellerie und Taxiinnung, Schiffbetreiber und Feuerwehr, Stadtreinigung und Post – und als Probenort konnte sogar ein Hangar im Flughafen Tempelhof gewonnen werden! Es gibt niemanden, den wir angesprochen haben und der sich schließlich nicht begeistern ließ.
Berlin will sich verzaubern lassen, das liegt in der Luft. Ein Ereignis bahnt sich an wie die Reichstagsverhüllung von 1995 oder das Sommermärchen der WM 2006. „Die Riesen kommen“ und sie werden in einem poetischen, berührenden Märchen auf unvergleichliche Weise und mit dem zärtlichen Blick, der ihnen eigen ist, 20 Jahre Mauerfall zu einem unvergesslichen Ereignis machen. Einem Ereignis, das sich an die Freude und die großen Emotionen von 1989 wagt, ein Geschenk an die Stadt, an ihre Bewohner und an alle Zuschauer von nah und fern. Ein Oktobermärchen für Berlin.
Brigitte Fürle
Künstlerische Leiterin spielzeit’europa | Berliner Festspiele
Juni 2009







